Noch vor wenigen Jahrzehnten bedeutete Visualisierung im Unternehmen meist nicht mehr als ein Blatt Papier und ein Stift, mit dem der Ingenieur seine Idee skizzierte. Nicht immer zur Freude der Geschäftsleitung, denn das fertige Produkt sah in der Realität oft völlig anders aus als vom Konstrukteur versprochen und vom Vertriebsleiter erhofft.
CAD war nur der Anfang
Die Einführung computergestützer Visualisierungssysteme in den 80er Jahren hat die Produktentwicklung revolutioniert: Dank CAD (Computer-Aided-Software) entstehen immer exaktere dreidimensionale Rechenmodelle. Durch solche virtuellen Prototypen können Fehler im Vorfeld der Produktion vermieden und zahlreiche, zeit- und kostenintensive Versuche am fertigen Werkstück eingespart werden.
Die digitale Visualisierung hat sich in einigen Branchen schon zur „Virtual Reality“ weiterentwickelt: In „VR-Zentren“, komplexen virtuellen Testumgebungen, tauchen Anwender mittels Datenhandschuh oder –brille in die Produktwelt ein. Bekannt sind vor allem das Head-Mounted Display HMD (oder VR-Helm), Großbildleinwände oder die räumliche Illusion in der so genannten "Cave". So können vor allem die subjektive Wahrnehmung, die Ergonomie sowie das Strömungsverhalten im Windkanal untersucht werden.
Neue Qualität in der Visualisierung
Spätestens mit den „VR-Zentren“ und ihren Testpersonen hat die Visualisierung eine neue Qualität erreicht: Jenseits der Konstruktionsbüros und Entwicklungslabore wird das Prinzip der digitalen Veranschaulichung mehr und mehr auch für Marktforschung und den direkten Kontakt zum Kunden eingesetzt.
Dabei hat sich das Internet als ideales Transportmedium erwiesen. In der Automobilindustrie etwa wird heute kaum ein Markenhersteller darauf verzichten, einen dreidimensionalen Car-Konfigurator auf seiner Website anzubieten. Potenzielle Autokäufer können damit bequem vom heimischen Sofa aus das tun, was früher nur dem Ingenieur vor dem Hochleistungs-CAD-Rechner möglich war: Sie lassen sich das Modell von allen Seiten zeigen, testen verschiedene Farbvarianten und montieren die Felge ihrer Wahl. Softwarepakete wie beispielsweise ECCar von GCL Automotive ermöglichen zusätzliche Vergleichsfunktionen, berücksichtigen umfangreiche Sonderausstattungen und listen die jeweils passenden Leasing- und Finanzierungsangebote auf.
Digitale Visualisierung ist aber längst keine Domäne für Großkonzerne wie DaimlerChrysler mehr. Selbst ein mittelständisches Möbelhaus sieht sich heute schon fast gezwungen, dreidimensionale Planungshilfen anzubieten. Nicht selten werden komplette Wohnungen am Computer eingerichtet: So stellt etwa die Zeitschrift „Brigitte“ neuerdings auf ihrer Website einen 3D-Planer für 14 unterschiedliche Einrichtungsbeispiele samt Bau- und Näheanleitungen und elektronischer Einkaufsliste bereit.
Für Branchen wie Einzelhandel und Immobilienwirtschaft gewinnt die fortschreitende digitale Kartografierung an Bedeutung. Plattformen wie Google Earth können Einkaufsstraßen mit ihren wichtigsten Adressen mittels Luftbildern abbilden oder Wohngegenden samt Infrastrukturpunkten erfassen. Seit Anfang 2007 zeigt Google Earth auch eine vollständige 3D-Großstadt: Hamburg ist das erste Modell einer europäischen Metropole, die fotorealistisch dargestellt wird.
Mit „Second Life“ schließlich ist eine weitere Stufe der Visualisierung erreicht: Hier geht es nicht mehr um die Veranschaulichung realer Standorte oder Produkte, sondern um eine virtuelle Kunstwelt, in der allerdings durchaus irdische Geschäftsgrundsätze gelten. Nicht wenige Unternehmen und Verlage nutzen „Second Life“ mittlerweile als Marketingplattform für ihre Produkte. Der Axel Springer Verlag etwa bringt eine eigene Boulevardzeitung im virtuellen Paralleluniversum heraus.
Eine wesentlich bodenständigere Form der Visualisierung ist die so genannte Augmented Reality (AR), eine Fortentwicklung von VR. Die "erweiterte Realität" ist eine Form der Mensch-Technik-Interaktion, bei der dem Anwender Informationen in sein Sichtfeld eingeblendet werden – beispielsweise über die Datenbrille. Die Einblendung geschieht jedoch kontextabhängig, d.h. passend und abgeleitet vom betrachteten Objekt, z.B. einem Bauteil. So kann etwa das reale Sichtfeld eines Monteurs durch eingeblendete Montagehinweise um für ihn wichtige Informationen erweitert werden.