Ein Kiosk als vollautomatisches Lager mit digitaler Lagerverwaltung und nur einem automatischen Roboter als Arbeitskraft – klingt nach Science Fiction, steht aber seit Oktober in Dortmund. Hier wird der Prototyp einer neuen dezentralen Verteilzentrale getestet, das automatische Lager zur Überbrückung der letzten Meile.
Die letzte Meile
Der Kunde hat es immer leichter: Anklicken und bestellen, oder ein kurzes Email und schon ist die Sache für ihn erledigt. Meist weiß der Verbraucher gar nicht, was sich für eine aufwändige Logistik und Lagerverwaltung hinter jeder Bestellung verbirgt.
Logistik-Dienstleister die diesen Endkunden-Bereich bedienen, müssen sehr eng kalkulieren und kämpfen oft mit mangelnder Profitabilität. Denn Pakete können zu normalen Tageszeiten immer seltener zugestellt werden. Die Gründe liegen auf der Hand: Singlehaushalte nehmen zu, und immer mehr Frauen sind berufstätig, tagsüber ist also einfach kaum wer zu erreichen. Das Problem ist die sogenannte „letzte Meile“, die direkt zu dem Kunden in die Wohnung führt, hier fallen bis zu 70 Prozent der gesamten Zustellkosten an. Zusätzliche Probleme gibt es da naturgemäß auch bei Lebensmitteln: Die Kühlkette darf nicht durchbrochen werden, und gekühlter Lagerraum ist sehr teuer – ein Grund warum sich Bestellservices für Lebensmittel bislang noch nicht durchgesetzt haben.
Kunde empfängt die Ware wie aus einem zweiten Briefkasten
Einen neueren Ansatz zur Überbrückung der letzten Meile stellt das vom Dortmunder Fraunhofer Institut initiierte Projekt “Tower 24” dar. Das Herzstück: ein automatisches Lagersystem, das von Dienstleistern und Paketempfängern über ein Terminal bedient werden kann.
Nach Professor Uwe Clausen vom Fraunhofer IML werden sich die Abholsysteme mit Sicherheit langfristig durchsetzen; denn trotz aller Bequemlichkeits-Vorteile seien die Anschaffungskosten für die Heimzustellungs-Boxen zu hoch, bei denen direkt vor der Haustüre der Empfänger die Ware wie aus einem zweiten Briefkasten empfängt. Dass die Kunden für die Auslieferung zahlen müssen, ist ein erheblicher Nachteil solcher Box-Systeme. Vor diesem Hintergrund entwickelte das Fraunhofer IML ein Konzept für eine dezentrales vollautomatisches Lager, das sowohl den Bedürfnissen des Händlers, des Logistikdienstleisters und besonders den Anforderungen des Endkunden entspricht. Am Beispiel der Stadt Dortmund wurden die Bedingungen ermittelt, die einen Vertrieb von Konsumgütern einschließlich frischer Lebensmittel übers Internet erlauben.
Bis zu 600 Pakete werden vollautomatisch einsortiert
So entstand das automatisierte Warenübergabesystem "Tower 24" - mit vier Metern Durchmesser und rund zehn Metern Gesamthöhe. Für rund 700.000 Euro wurde ein Paketsilo entwickelt, in dem bis zu 600 Paketsendungen gelagert werden können. Der erste Turm hat seinen Probebetrieb im Oktober 2002 im Dortmunder Technologiepark aufgenommen.
Der Tower bietet Lagerflächen für verschiedene Temperaturbereiche: Normaltemperatur (klimatisiert auf 20 Grad Celsius), einen Frischebereich mit zwei bis sieben Grad Celsius und optional einen Tiefkühlbereich mit minus 18 Grad Celsius. Der Tower - ähnlich einer übergroßen Litfasssäule - bietet Platz für bis zu 300 Standardbehälter mit 600x400 mm Grundfläche oder 632 doppelttief gelagerte kleinere Normbehälter mit den Maßen 300x400 mm. Versorgt werden die ringförmig angeordneten Behälterplätze von einem Zwei-Säulen-Regalbediengerät (RBG), das zentral angeordnet ist und zusammen mit einem Bodendrehtisch arbeitet. Der auf dem RBG eingesetzte Hubwagen verfügt über zwei Hochleistungs-Lastaufnahmemittel auf gleicher Durchmesser-Achse, so dass auch kombinierte Ein- und Auslagerungen in gegenläufiger Richtung gefahren werden können.
Den funktionalen Mittelpunkt und den Nutzwert des Systems bilden die Bündelung der Warenströme in Kundennähe, die Minimierung der Zustellzeiten und damit die erheblichen Kosteneinsparungen pro Warensendung und die kostenfreie Warenabholung durch den Empfänger. Da kein Personal erforderlich ist, können die Betriebskosten auch bei einer 24-Stunden-Verfügbarkeit sehr niedrig gehalten werden. Die durchschnittliche Verweildauer einer Sendung wird gegenüber herkömmlichen Schließsystemen auf die Hälfte bis ein Drittel geschätzt, was zu einer erheblich größeren Umschlagshäufigkeit führt. Durch eine intelligente Kühlung ist der Energieverbrauch minimal und die Wartungskosten werden durch maschinelle Reinigung der Lagerfächer gesenkt.
Der Tower 24 zeichnet sich durch eine einfache Funktionsweise aus, die sowohl den Lieferanten als auch dem Empfänger der Ware Vorteile bietet. So lassen sich 100 Sendungen in weniger als 20 Minuten einlagern, wobei der Lieferant bis unmittelbar vor die Einlagerungsstelle vorfahren kann, das Lagerverwaltungssystem ordnet den Waren automatisch die jeweils günstigsten Freiplätze zu. Nach der Wareneinlagerung kann der Händler Leerbehälter-Stapel für die Mitnahme abrufen. Außerdem wurde berücksichtigt, dass die Behälter regelmäßig gereinigt werden müssen. Kameras registrieren jedes einzelne Paket für den Systemablauf und die Sicherheitskontrolle und lesen zudem bei Bedarf auch die Schrift auf dem Adressaufkleber für die Benachrichtigung des Kunden.
Auch der Endkunde soll es am Tower 24 einfach haben: Die Kunden erhalten mit ihrer Waren-Benachrichtigung per SMS oder E-Mail einen PIN-Code übermittelt, mit dem sich jeder Abholer eindeutig identifiziert kann. Die Entnahmefächer sind Zugriffshöhe angeordnet, ergänzt durch einen Entnahmebereich für Rollstuhlfahrer. Da mehrere Kunden parallel bedient werden können, sind die Wartezeiten auf ein Minimum reduziert worden - Umfragen haben ergeben, dass Kunden eine maximale Bedienzeit von höchstens 3 bis 5 Minuten akzeptieren.
Gegenüber herkömmlichen Schließfachanlagen zeichnet sich der Tower 24 durch ein hohes Maß an Sicherheit aus. Alle Fächer sind vor Vandalismus und Diebstahl geschützt. Kameras nehmen zudem von jedem Paket ein Foto auf. Jeder Tower 24 ist mit drei Selbstbedienungsterminals zur Anmeldung, Warenanlieferung und Warenabholung ausgestattet. "Die Warenausgabe funktioniert" - laut Projektleiter Lars Siebel - "wie am Geldausgabeautomaten, nur dass aus der geöffneten Klappe kein Geld herauskommt, sondern die bestellten Sendungen. Und der Kunde kann alles auf einmal mitnehmen oder erst einmal eine der eingetroffenen Sendungen - wie es für ihn gerade am günstigsten ist".
Geeignete Standorte im Voraus zu definieren, war ein weiteres Kriterium. Eng verknüpft ist die Forderung nach problemloser Installation - ob in Gebäuden oder auf freien Plätzen. Zentral gelegene und normal frequentierte Parkplätze erfüllen in geeigneter Weise die Ansprüche. Mit seinen vier Metern Durchmesser beansprucht der Tower 24 nur eine Fläche, die vergleichbar ist mit der von zwei nebeneinander liegenden PKW-Parkplätzen. Bei der Installation auf freien Parkplätzen ist die Beschränkung der zulässigen Bauhöhe auf meistens sechs Metern zu beachten, weshalb der Tower 24 um vier Meter in den Boden abgesenkt werden kann - mit dem Vorteil, dass wegen der konstanten Bodentemperatur in diesem Turmbereich keine Isolationen für die Einhaltung niedriger Temperaturen im Innenraum notwendig werden, was wiederum den Energieverbrauch für die Kühlung von Lebensmitteln erheblich vermindert.